Menschliche Geschichten hinter der Berliner Mauer

Derk Marseille spricht mit Schlagzeuger Micha Maass, der die enormen Auswirkungen des Mauerfalls auf ihn erklärt. Er erklärt, warum die Wende für ihn nicht unbedingt positiv ist.

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Niederländisches Buch: Kaution für meine Mutter

Die niederländischen Schriftstellerinnen Manon de Heus und Marijke van der Ploeg haben in dem Buch Geld einzahlen für meine Mutter von 20 ehemaligen DDR-Bürgern aufgeschrieben. Sie erzählen von ihrem Leben in einem geschlossenen Land. Wie sind die ehemaligen DDR-Bewohner mit den absurden Regeln des Staates umgegangen und wo fanden sie ihre Freiheiten? Die Geschichten sind vielfältig, haben aber eines gemeinsam: Sie geben einen einzigartigen Einblick in ein Land, das es nicht mehr gibt.

Die Hausärztin Kathrin Bakker wurde vom Geheimdienst der Stasi verfolgt, weil ihr Mann ohne ihr Wissen in den Westen geflohen war. Der Teenager Stefan Lauter verbrachte drei Jahre in Jugendstrafanstalten wegen „Staatsfeinds“. Und der Schauspielerin Ruth Reinecke gelang es, ein Theater zu schaffen, das die Probleme der Bevölkerung widerspiegelte.

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Deutschland-Nachrichten sprechen mit Manon de Heus und Marijke van der Ploeg:

Über die DDR wurden Bibliotheken geschrieben; Warum, glauben Sie, musste dieses Buch gemacht werden?

Marijke: Ich bin Historikerin und habe bis vor kurzem im Stasi-Museum und im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin gearbeitet. Und tatsächlich ist in den letzten 30 Jahren viel geschrieben worden. Aber wir haben immer noch die gewöhnlichen persönlichen Alltagsgeschichten vermisst. Wie war das Leben vieler Menschen?

Manon: Ich arbeite von Berlin aus für niederländische Medien. Und da fehlt mir der Platz, um solche Geschichten zu erzählen. Der Alltag schafft es nicht so schnell zurück in die Nachrichten. Deshalb wollten wir dies tun.

Und warum musste das von dir gemacht werden?

Manon: Wenn man in Berlin lebt, bekommt man ein besonderes Gefühl für diese Geschichte. Jeden Tag, wenn ich „über die Grenze“ fahre, bekomme ich wieder Gänsehaut. Es bleibt so besonders, in einer freien Welt zu leben. Außerdem ist meine Mutter (West-)Deutsche, und über ihre Familie hört man wenig über die Vergangenheit. Das ist bei der niederländischen Familie meines Vaters ganz anders. Für mich war dies auch ein Bestreben, meine deutsche Seite besser zu verstehen.

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Marijke: Ich habe mich schon immer sehr für geschlossene Gruppen interessiert. Wie ist es, dort zu leben und zu arbeiten? Vor 30 Jahren fiel die Mauer, das heißt, viele können noch aus eigener Erfahrung berichten. Die DDR-Geschichte ist greifbar. Wie würde ich reagieren, wenn mir das passieren würde? Was tun, wenn Sie sich zwischen Familie oder Freunden entscheiden müssen? Die Geschichten liegen sozusagen noch auf der Straße.Wir stellen Fragen, die die Deutschen nicht so schnell stellen. Die Niederländer sind es eher gewohnt, persönlichere Fragen zu stellen. Und ich glaube, die Deutschen akzeptieren das bei uns schneller als bei einem Landsmann. Der Nachteil ist, dass man nicht immer versteht, wo die Empfindlichkeiten liegen. Wir suchten eine Balance zwischen kritischem Hinterfragen und Nichtverletzen. Manchmal schnappte jemand plötzlich zu, während wir nicht sofort verstanden, warum.

Sie wussten offensichtlich schon viel über diese Geschichte. Sind Sie immer noch überrascht?

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Marijke: Ich wusste sehr gut, wie die Stasi funktioniert, aber weniger über den Alltag. Es überraschte mich, wie unglaublich sensibel manche Dinge noch sind. Diese Leute sind in einem System aufgewachsen, in dem man sehr genau überlegen musste, was man sagt. Wir als niederländische Kinder durften Fehler machen. Aber unterschätzen Sie nicht, wie tief dies ein Kind fürs Leben prägt, die Menschen sind auch 30 Jahre später immer noch vorsichtig.

Wie ist Ihnen das bei den Interviews aufgefallen?

Manon: Manche Leute haben ihre Geschichte als eine Art Drehbuch erzählt, das bereits in ihrem Kopf war. Sie waren vollständig vorbereitet, so dass es manchmal schwierig war, Fragen zu stellen. Sie wollten ihre Worte kontrollieren. Auch Fragen nach Gefühlen waren schwierig. Wie hat sich das für dich angefühlt? – Nun, es ist einfach passiert.

Betrachten Sie nach diesen Gesprächen auch aktuelle Nachrichten in Deutschland mit einer anderen oder neuen Perspektive?

Manon: Ich habe ein besseres Verständnis dafür gewonnen, wie sich ein totalitäres System auf die Menschen auswirkt und wie es sich auf den Rest Ihres Lebens auswirkt. Damit ist die Aufarbeitung wirklich nicht abgeschlossen, viele Ostdeutsche sind noch immer nicht in ihrem neuen Land angekommen. Der Unterschied bei uns ist so groß, wir sind viel unbeschwerter im Leben.

Marijke: Man spürt, wie die Geschichte das Leben der Menschen beeinflusst. Im Buch kann man zwischen den Zeilen lesen, wie die Leute das verarbeitet haben. Der eine tut dies mit Kunst, der andere hat ein anderes Ventil. Und für Leute, die das nicht haben, ist es jetzt immer noch sehr schwierig.

„Sport war eine Diktatur innerhalb der DDR-Diktatur“

Sport hatte in der DDR einen hohen Stellenwert: Er ermöglichte es dem Land, sich auf internationaler Ebene zu behaupten. Kinder wurden schon in jungen Jahren nach Sportarten gesucht, die zu ihrem Körper passten. Die Athleten wurden trainiert und trainiert, aber das war nicht genug. Zur Leistungssteigerung wurde vielen von ihnen ab Mitte der 1970er Jahre systematisch Doping verabreicht. In vielen Fällen wussten die Sportler und ihre Eltern nichts davon. Unter den psychischen und physischen Folgen leiden die verletzten Sportler bis heute. Die ehemalige Sprinterin Ines Geipel (1960) erlebte hautnah, wie die DDR mit Spitzensportlern umging.

Manon de Heus und Marijke van der Ploeg haben ihre Geschichte in „Geld für meine Mutter einzahlen.