Podcast ‚der Schlag‘ – Corona-Krise Fluch und Segen für die Energiewende

Seit Anfang dieses Jahres fährt mehr als die Hälfte Deutschlands mit Ökostrom. Ein Rekord, auch dank der Corona-Krise. Gleichzeitig gefährdet Corona auch die Entwicklung der Energiewende.

Wir sprechen darüber mit unserem Deutschland-Korrespondenten Derk Marseille

Grüne Energie wird immer wichtiger

Zuerst die gute Nachricht. Auch dank Corona läuft die Energiewende gut?

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Ja, in den letzten vier Monaten fährt also mehr als die Hälfte Deutschlands mit erneuerbaren Energien. Damit ist das bisher unerreichbare Klimaziel von 40 % weniger Emissionen gegenüber 1990 plötzlich erreichbar. Im Jahr 2000 lag der Anteil an Ökostrom bei 6 %, im Jahr 2019 bereits bei 40 %, im Jahr 2030 sollen es 65 % sein. Deutschland scheint also auf dem richtigen Weg zu sein.

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Liegt das nur an Corona oder steckt mehr dahinter?

Auch das Wetter spielt eine Rolle. Im Januar, Februar und März dominierte die Windenergie (dank der starken Winde in diesem milden Winter), im April und Mai übernahm die Solarenergie (dank des sonnigsten Frühlings aller Zeiten).

Das letzte Atomkraftwerk wird in 2 Jahren geschlossen, wie abhängig ist Deutschland noch von Kohlekraftwerken?

Dank Corona im Moment plötzlich viel weniger. Der Verbrauch von Braun- und Steinkohle ging um -37 % zurück. Diese Auswirkungen sind besonders stark, weil viele Fabriken ihre Produktion wegen der Corona-Krise reduziert oder sogar eingestellt haben. Das zeigt nach Angaben der Erneuerbaren-Energien-Branche, dass die Zeit der Kohlekraft vorbei ist, sie wollen Kohlekraftwerke schneller schließen. Zudem soll das letzte Kernkraftwerk 2022 geschlossen werden.

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Ist es nicht zu früh zum Feiern? Auch die Schwerindustrie will wieder arbeiten?

Deutschland wird vorerst sicher nicht vollständig mit Ökostrom fahren können, aber die Lobby für nachhaltige Energie kann jetzt zeigen, dass Deutschland immer weniger abhängig von konventioneller Energie wird. Ein weiteres Argument ist, dass Kohlekraftwerke deutlich höhere Betriebskosten haben als erneuerbare Energien und Gas.

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Corona sorgt auch für Verzögerung der Energiewende

Doch Corona ist auch eine schlechte Nachricht für die Energiewende, was ist damit?

Kurzfristig wirkt sich die Coronakrise positiv auf das Klima aus, langfristig aber nicht. Denn die Energiewende verlief nicht reibungslos. Gesetzesänderungen und dringend notwendige Investitionen, die grüne Energie ankurbeln sollen, sind nicht auf die Corona-Krise zurückzuführen. Projekte werden auf Eis gelegt. Auch strengere Regeln werden noch eine Weile im Regal bleiben, denn die Regierung will es Verbrauchern und Unternehmen in diesen schwierigen Zeiten nicht zusätzlich erschweren.

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Was bedeutet das für die Niederlande?

Die niederländischen und deutschen Stromnetze sind zunehmend miteinander verbunden. Deutschland ist beispielsweise bereit, sich am Netzbetreiber Tennet zu beteiligen, der bereits einen Teil des deutschen Stromnetzes besitzt.Damit wird die deutsche Energiewende für den Energiemarkt in den Niederlanden noch relevanter.

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